Südafrika droht ein Exodus der Elite – Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Gewalt, Armut, explodierende Preise und eine unsichere Zukunft – Südafrika rutscht immer tiefer in die Krise. Hoffnung auf Besserung haben nur wenige: Immer mehr Spitzenkräfte kehren dem einstigen Wunderstaat des schwarzen Kontinents den Rücken.

Kapstadt – Es war wie an jedem Morgen. Tony Williams war mit ihren beiden Töchtern Emily und Sophie um sieben Uhr morgens auf dem Weg zur Schule. Doch als sie im ruhigen Johannesburger Viertel Fairlands noch ein Nachbarskind aufsammeln wollte, gerieten sie und die Kinder in eine Schießerei zwischen Gangstern und Mitarbeitern einer privaten Sicherheitsfirma. Die zwölfjährige Emily wurde von einem Querschläger getroffen und starb.

Zwei Monate zögerte ihr Vater Roger Williams, Finanzchef eines Chemiekonzerns. Dann kündigte er öffentlich an, dass er mit seiner Familie Südafrika verlassen werde. ‘Wir haben lange darüber gesprochen, weil wir ja auch eine Menge aufgeben müssen’, sagt er. Seit 17 Jahren leben die Williams schon in Johannesburg. Sie haben sich etwas geschaffen. ‘Aber die meisten unserer Freunde und Bekannten wollen gehen’, sagt der Familienvater. ‘Das ist schade für dieses Land. Denn das sind alles Leute mit hervorragenden Qualifikationen, die hier auch viel investiert haben.’

Der Fall der Familie Williams hat Schlagzeilen gemacht. Meist aber vollzieht sich der Exodus aus dem einstigen Wirtschaftswunderland am Kap, der Regenbogennation Nelson Mandelas still, unauffällig und schweigend. So überraschte der deutsche Arzt Wolfgang K. in Kapstadt seinen Patienten eines Tages mit der Mitteilung, dass er seine seit 14 Jahren erfolgreiche Praxis verkauft habe und sich in Australien eine neue Existenz aufbauen werde.
Der Bochumer Werkzeugmacher Gerhard J. war sogar schon in den sechziger Jahren ans Kap gekommen, hatte sich ein florierendes Unternehmen aufgebaut, eine Südafrikanerin aus einer alteingesessenen Burenfamilie geheiratet und nie daran gedacht, dass er seine neue Heimat wieder verlassen würde. Doch statt in seinem Riesenanwesen in Kapstadt will er mit seiner Frau lieber irgendwo in Europa alt werden, ‘irgendwo, wo es sicher ist und wo ich weiß, dass mein investiertes Kapital mir auch morgen noch gehört’. Er gibt zu, dass die fremdenfeindlichen Unruhen im Mai für ihn die sprichwörtlichen Tropfen gewesen seien, die zu seinem endgültigen Entschluss geführt hätten, Südafrika den Rücken zu kehren.

Das Land beginnt auszubluten

Konsulate und Botschaften der Haupteinwanderungsländer Australien, Neuseeland, Großbritannien und USA verzeichnen eine sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Einwanderungsvisa. Auch Ofer Dahan vom Israel Zentrum in Johannesburg beobachtet diesen ‘wachsenden Trend’: Im gesamten Jahr 2006 seien 108 Juden aus Südafrika nach Israel ausgewandert. In den ersten vier Monaten dieses Jahres aber haben sich bereits 350 ernsthaft um eine Auswanderung allein nach Israel bemüht – vorwiegend junge, gut ausgebildete Spezialisten.

Das Land am Kap beginnt auszubluten. Allein die südafrikanische Luftwaffe musste in den ersten Monaten dieses Jahres einen Aderlass hinnehmen, der kaum wettzumachen ist: Mindestens 50 hoch spezialisierte Flugzeugingenieure und Techniker kündigten, um sich im Ausland eine neue Zukunft aufzubauen. Zehn Techniker der Airbase Ysterplaat bei Kapstadt wollen mit ihren Familien Südafrika Ende Juni in Richtung Australien verlassen, 20 Flugzeugingenieure haben diesen Schritt bereits Ende Mai getan. Die Gründe sind fast immer dieselben: ‘Die Kriminalität, die steigenden Lebenshaltungskosten und die schlechten Arbeitsbedingungen.’

Südafrika ist in eine Krise geraten, die sich seit langem abgezeichnet hat, die aber dennoch tiefer ist, als viele es noch vor wenigen Monaten für möglich gehalten haben.

Aufgeladene Stimmung

Die Ursachen sind vielfältig: Die Wahl des schillernden und skandalumwitterten Populisten Jacob Zuma im Dezember 2007 zum Präsidenten der Regierungspartei ANC, der damit ab 2009 wahrscheinlich zum neuen Staatsoberhaupt wird, hat viele, vor allem weiße Südafrikaner verunsichert.

Dazu kam die Energiekrise des Landes, die Stromausfälle, die der staatliche Energieriese Escom nicht in den Griff bekam. Die ausufernde Kriminalität, die weltweit höchste Aids-Rate, wachsende Armut, ein desolates öffentliches Gesundheitssystem, die explodierenden Verbraucher- und Energiepreise, die kaum oder gar nicht integrierten rund fünf Millionen Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern, 40 Prozent Arbeitslosigkeit – als dies ergibt eine gefährliche Mischung, die die hasserfüllten Pogrome im Mai zusätzlich befeuerte.

In einer derart emotional aufgeladenen Stimmung ist es dann wie ein schmerzhafter Nadelstich, wenn eher unbedeutende Funktionäre wie der Vorsitzende des Jugendkulturclubs Uhuru in Pretoria, Faraday Nkoane, vor rund hundert Jugendlichen dazu aufrufen, den Weißen das Land zu stehlen: ‘Es ist Euer Recht, das zu tun. Denn die Weißen haben den Schwarzen das Land geraubt.’

Noch verheerender wirkt es, wenn der Präsident der ANC-Jungsozialisten, Julius Malema, angesichts des drohenden Korruptionsprozesses gegen den ANC-Präsidenten lautstark verkündet: ‘Wir sind bereit, für Zuma zu sterben. Wir sind bereit, zu den Waffen zu greifen und für Zuma zu töten.’

2. Teil: Die Wirtschaft schwächelt, die Regierung reagiert hilflos – die Hoffnungen ruhen auf der Fußball-WM

Die Auswirkungen der allgemeinen Verunsicherung sind nicht nur an den Auswanderungszahlen ablesbar. Der Wirtschaftsteil der angesehenen Tageszeitung ‘Cape Times’ erschien Anfang Juni mit der knalligen Überschrift ‘Hauspreise vor dem freien Fall’. ‘Die Kombination von verzweifelten Verkäufern, weniger Käufern und zunehmend vorsichtigeren Banken könnte den Markt knacken’, analysierte das Blatt. Immobilienmakler geben an, die Verkaufszahlen seien Anfang 2008 um 30 Prozent abgesackt. In den vergangenen elf Jahren seien die Preise nie so schnell verfallen.

Das Wirtschaftswachstum, sonst immer stabil zwischen fünf und sechs Prozent, liegt in diesem Frühjahr nur noch knapp über zwei Prozent. Die Verbraucherpreise sind explodiert, der Randkurs ist im Keller. Jeden Monat kommen 2000 Immobilien unter den Hammer. Martin Feinstein, Vorstandsmitglied in einer südafrikanischen Mittelstandsvereinigung, prophezeit: ‘Die kommenden 18 bis 24 Monate werden für die kleinen und mittleren Unternehmen die Hölle.’

Der Wirtschaftsexperte Mike Schussler warnt: ‘Es wird noch viel schlimmer, bevor es wieder besser wird. Es ist schwer vorherzusagen, wie schlimm es wird und wie lange es dauern wird.’ Gerade hat die internationale Rating-Agentur Finch Südafrika wegen der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage herabgestuft.

‘Wir haben versagt’

Selbst Präsidentenbruder Moeletsi Mbeki fragt entsetzt: ‘Warum halten wir diesen Niedergang unserer Nation nicht auf?’ 14 Jahre nach dem Ende der Apartheid sagt jeder fünfte Südafrikaner, dass er zu arm sei, um sich ausreichend zu ernähren. Bei den Schwarzen gibt ein Drittel an, sie hätten nicht genügend Lebensmittel, um über die Runden zu kommen. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist in diesem Jahr um zwei Millionen gestiegen. Insgesamt beziehen 12,8 Millionen der knapp 50 Millionen Südafrikaner staatliche Unterstützung. Der Vorsitzende der südafrikanischen Entwicklungsbank und frühere Minister Jay Naidoo kommt zu dem bitteren Fazit: ‘Wir haben als Führer in den Townships, in den Organisationen, als Regierung und als Gesellschaft versagt.’

Die Versuche der Regierung, das Ruder herumzureißen, muten eher hilflos an. So sollen zum Beispiel Ingenieure und Architekten aus Kuba und Ärzte aus Tunesien die Lücken schließen, die durch die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte gerissen worden sind. Energiemonopolist Escom, dem scharenweise die Experten davongelaufen sind, sucht auf dem internationalen Mark verzweifelt nach Ersatz. Unter anderem sollen 200 in Ruhestand befindliche deutsche Techniker angeworben werden, um in der Provinz Ost-Kap die maroden Kraftwerke wieder auf Vordermann zu bringen. Die frühere Frau Nelson Mandelas, Winnie Mandela, sagt angesichts des wirtschaftlichen und sozialen Desasters ihres Landes: ‘Die Realität beginnt, uns einzuholen.’

Magisches Datum 2010

Doch selbst der schärfste Kritiker von Staatspräsident Thabo Mbeki, sein Bruder Moeletsi, entwirft noch immer eine positive Zukunftsperspektive für Südafrika. Eine Präsidentschaft Jacob Zuma könne durchaus eine Wendung zum Besseren bringen, ‘weil die gegenwärtige Regierung keine gute Wirtschaftspolitik macht’.

Der Unternehmer und politische Analytiker setzt auf die Stärken und das Potenzial seines Landes: Seinen Rohstoffreichtum, seine diversifizierte und erfolgreiche Wirtschaft, seine touristische Attraktivität, die funktionierende Demokratie mit einem funktionierenden Rechtssystem, die Unabhängigkeit der Medien und eine lebendigen Opposition, die Weltklasse-Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Moeletsi Mbekis Hoffnungen ruhen aber vor allem auf der Zivilgesellschaft Südafrikas, die in den Mai-Unruhen ihre Stärke gezeigt habe, ‘indem sie den Job übernahm, den eigentlich die Regierung hätte machen müssen’.
Alle Hoffnungen richten sich nun auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Wie eine magische Zahl ist dieses Datum. Auch Susan B. will erst mal abwarten. Die junge Deutsche ist vor drei Jahren ans Kap gekommen. Sie sagt: ‘Natürlich ist alles teurer geworden, natürlich macht mir die Kriminalität Angst. Aber ich laufe nicht einfach davon. Dazu ist dieses Land zu schön, dafür sind auch seine Menschen zu liebenswert.’

Advertisements

Please leave comments and feedback here

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: