Erfahrungsbericht von Peter Westen – Beim Einkaufen bitte recht freundlich sein!

Je häufiger ich ein Geschäft betrete, desto unbegreiflicher wird mir, warum meine Frau so gerne einkaufen geht. Kundenfreundlichkeit bedeutet nämlich nicht selten, dass der Kunde freundlich zum Personal sein oder zumindest sehr viel Verständnis für dessen Eigenheiten aufbringen muss. In vielen Restaurants ist das nicht anders.

Samstags und sonntags hole ich morgens die Brötchen vom Bäcker. Weil ja verschiedene Sorten angeboten werden, frage ich immer, welche denn die backfrischeste ist. Darauf schaut mich die Verkäuferin jedes Mal beleidigt an und antwortet: ‘Bei uns ist alles frisch!’ Anschließend tippt sie 4 x 20 Cent in den Taschenrechner ein und präsentiert mir das Ergebnis mit triumphierendem Blick: ’80 Cent!’ Es muss wohl schon lange her sein, als im Mathematikunterricht noch Kopfrechnen vorkam.

Im Terminal C des Flughafens Berlin-Tegel gibt es einen Imbissstand mit wunderbaren Produkten. Manchmal bedient dort eine hübsche Blondine. In der Vitrine stehen mit Orangen- und Kiwisaft gefüllte Gläser. Als ich zu dem Glas rechts außen greife, zischt mich die Dame an: ‘Von links nehmen!’ Auch ihre brünette Kollegin, die bei meinem nächsten Besuch das Kommando führt, befällt der Linksdrall, nachdem ich rechts neben einem anderen Kunden zum Bezahlen angestellt habe: ‘Von links anstellen!’ Kein Bitte, kein Danke, nur ‘von links…!’

Kassiererin im Supermarkt zu sein ist gewiss kein leichter Job. Trotzdem will mir nicht in den Kopf, warum ich deshalb Schwerstarbeit leisten soll. Jedenfalls akzeptiert die Dame nicht, dass ich nur eine von den zwölf Flaschen mit Mineralwasser auf das Laufband stelle. Ultimativ verlangt sie: ‘Den ganzen Kasten!’ Ich gehorche.

Unangenehmen Situationen kann man entgehen, wenn man nur mit der Verkäuferin telefoniert

Auch in vornehmen Konsumtempeln habe ich manchmal Probleme. Wie etwa in dem Westberliner Nobelkaufhaus, in dem ich mir einen Anzug kaufen will. Weil ich das passende Stück nicht finden kann, halte ich nach einer Verkaufskraft Ausschau. Schließlich entdecke ich hinter einer Säule zwei Frauen und einen Mann, die offenbar in ein spannendes Gespräch verwickelt sind. Nachdem sie mich gebührend lange missachtet haben, lässt sich der geschniegelte Herr zu einem ‘Kann ich Ihnen helfen?’ herab. Ich trage mein Anliegen vor. Er mustert mich von oben bis unten, zieht Nase und Oberlippe hoch und sagt mit verächtlichem Blick: ‘Na, ob wir in Ihrer Größe was haben…?!’ Worauf ich mich auf den Weg ins nächste Geschäft mache.

Solchen Situationen entgeht man, wenn man gar nicht erst in einen Laden geht, sondern nur mit ihm telefoniert. Manche Verkäuferinnen telefonieren lieber, als körperlich anwesende Kunden zu bedienen. Die Angestellte im Sportgeschäft kann sich jedenfalls nicht überwinden, das Ferngespräch mit ihrer Freundin zu beenden, obwohl ich bereits zehn Minuten lang vor ihr von einem Fuß auf den anderen trete. Als ich sie unterbreche und nach Windjacken frage, zeigt sie mir wortlos die Richtung, in der ich suchen muss. SO geht das Artikel für Artikel. Sie telefoniert, ich suche. Zum Kassieren muss sie dann doch den Hörer aus der Hand legen. Aber nur, um mir mitzuteilen, dass die Leitung zur Kreditkartenzentrale gestört sei und ich deshalb heute leider nichts bei ihr kaufen könne.

Source: Westen, P. (01/2009), „Beim Einkaufen bitte recht freundlich sein!“, Air Berlin Magazin, Seite 8

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