Nobel geht die Welt zugrunde – Von Dorothee Kammel (Spiegel Online)

Hübscher als an der Royal Holloway University nahe London kann man kaum studieren – ein Schloss mit Zuckerbäcker-Campus, das Studium very British. Die Studenten werden rundum versorgt, haben aber wenig Freiräume. Für deutsche Studenten sind die Rituale an englischen Unis sonderbar.

Das Wohnheimzimmer im Founder”s Building direkt auf dem Uni-Campus Royal Holloway ist klein und schlicht. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, mehr braucht es nicht. In Denkpausen aber fällt der Blick auf ein beeindruckendes Panorama: Über hundert leuchtend rote Türmchen thronen auf dem Hochschuldach, hoch oben über dem Ort Egham rund 30 Kilometer südlich von London.

Das markante Gebäude der Royal Holloway University, die zur University of London gehört, wurde 1886 von Königin Victoria eröffnet. ‘Bright young women’, aufgeweckte junge Frauen, konnten hier studieren. Erst ab 1965 durften auch Männer auf den Campus.

Auf dem saftigen englischen Rasen zwischen Kapelle, Speisesaal und dem Rest des Hauptgebäudes sitzen die Studenten: viele asiatische Gesichter, auch einige Deutsche, Italiener, Franzosen. Im Sommer nippen sie entspannt an einem kühlen Pimm”s, dem traditionellen Getränk aus Gin, Zitronenlimo und etwas Salatgurke.

Matthias Schiller ist einer der 7700 Studenten aus 130 Ländern. Sein Abitur hat er in Rheinland-Pfalz gemacht und schrieb sich danach in Münster für Geschichte und Englisch auf Lehramt ein. Gefallen hat es ihm nicht: ‘Es war überlaufen, die Betreuung war schlecht. Mich hat gestört, dass man da so untergeht.’

Darum entschied er sich für England, das Mutterland des Bachelorstudiums, und bewarb sich bei der zentralen britischen Vergabestelle für Studienplätze, der UCAS. ‘Welche Universitäten gut sind, hatte ich vorher im Ranking der englischen Zeitung “The Times” nachgesehen. Die Royal Holloway hatte da gerade für das Fach Geschichte gut abgeschnitten.’ Die ehrwürdige Uni ist bei deutschen Studenten beliebt, noch mehr bei Chinesen.

Betreutes Wohnen für Erstsemester

Im ersten Jahr bekommt jeder Student einen Wohnheimplatz direkt auf dem Campus. Ein persönlicher Betreuer sorgt für einen möglichst glatten Wechsel vom Elternhaus ins Unileben. Englische Studenten sind etwas jünger als ihre deutschen Kommilitonen, weil sie schon mit 17 Jahren die Schule verlassen. ‘Manchmal erinnerte es an betreutes Wohnen’, sagt Matthias. ‘Wenn nach den Semesterferien sofort jemand auf dich zustürmt und fragt: “So, how are you and how were your holidays?”, ist das manchmal schon etwas zu viel des Guten.’

Über zu große Kurse kann sich Matthias nicht beklagen. ‘Zwischen 10 und 15 Leute sind wir dort. Ich muss oft in die Sprechstunden und habe engen Kontakt zu den Dozenten, sie kennen einen mit Namen.’ Die Wahlfreiheit ist eingeschränkt. Gewählt wird eher eine Fächerkombination, bei Matthias Geschichte mit Spanisch: ‘Das ist wie in der Schule, mit einer Kombination hat man automatisch bestimmte Kurse.’

Wer eine Fremdsprache studiert, legt im dritten Jahr ein ‘year abroad’ ein. Gerade im Fach Spanisch hat die Uni sehr gute Kontakte nach Lateinamerika und ist beim Studienort sehr flexibel. Matthias suchte ‘vor allem das Exotische’, so verschlug es ihn 2007 nach Kuba.

Weil Kubaner für Untermieter eine Lizenz brauchen, schlagen sie ordentlich bei der Miete drauf. 400 Dollar zahlte Matthias für ein halbes Zimmer, das er sich mit einem Engländer teilte. Auch die Kurse waren teuer, zwei Pflichtkurse für 600 US-Dollar. Kuba gefiel ihm gut, aber wegen der hohen Kosten reiste Matthias vorzeitig nach Europa und studierte in Madrid weiter.

2. Teil: Abschlussrituale: Kniefall vorm Kanzler, Studenten an der Hand – ‘ich war der Mittelfinger’

In England wählen die Studenten ihre Kurse pro Jahr, die in Trimester aufgeteilt sind. Im letzten Jahr schreiben sie in erster Linie längere Aufsätze, es folgen die Bachelorarbeit, finale Prüfungen und eine mehr oder weniger pompöse Abschlussfeier. In Royal Holloway findet sie in der Kapelle mit einer symbolischen Zeugnisübergabe statt; das richtige Zeugnis kommt später per Post.

Berühmt für ihre traditionellen Abschlussfeiern sind vor allem die elitären Unis Cambridge und Oxford. Die Graduierten, gewandet im obligatorischen Talar, mit weißer Fliege und schwarzen Schuhen, warten an den Flügeln des Senate House, bis sie aufgerufen werden, erzählt Cambridge-Absolvent Sebastian Massek, 28. In einer Gruppe führt sie ein Uni-Mitarbeiter an der Hand nach vorn zum Kanzler – einen Studenten an jedem Finger. ‘Ich war der Mittelfinger’, erinnert er sich. ‘Auf Lateinisch wurde ich dann, auf einem Plüschkissen kniend, dem Kanzler vorgestellt. Dabei legte er seine Hand auf meinen Kopf.’

Die Kongressteilnehmer, die Studenten müssen weichen

Bei der Generalprobe patzte Historiker Sebastian: ‘Ich trug anstatt schwarzer Schuhe dunkelbraune. Das sorgte für einen kleinen Eklat.’ So hübsch die Rituale wirken mögen, die strengen Sitten stehen auch sinnbildlich für fehlende persönliche Gestaltungsmöglichkeiten. Die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen, sei in Deutschland größer als an englischen Unis, sagt Christiane Weidenfeld, Lektorin in Cambridge.

Zudem ist das Studium in England teuer. Seit September 2006 dürfen die Hochschulen Studiengebühren von bis zu 3225 Pfund (3570 Euro) pro Jahr erheben. Vorher waren die Gebühren vom Einkommen der Eltern abhängig und lagen an den meisten Hochschulen bei maximal 1250 Pfund jährlich.

Student Matthias Schiller ist ziemlich zufrieden, kritisiert aber: ‘Manchmal hatte ich das Gefühl, in einer Firma zu sein, nicht an einer Uni.’ Im finanziellen Wettbewerb bräuchten die Unis besonders die Studenten aus Übersee. Eine zusätzliche Einnahmequelle seien regelmäßig Kongresse in den Semesterferien – mit unangenehmen Folgen für Wohnheimstudenten wie ihn: ‘Ich musste mein Zimmer in den Ferien immer für die Kongressteilnehmer räumen.’

Guten Noten für ein Zimmer mit Aussicht

Dass Bildung für alle zugänglich sein soll, werde in England nicht so intensiv diskutiert wie in Deutschland. ‘Die Schule auf die du gehst, entscheidet oft über die Uni, auf der du später landest’, so Matthias. Die Briten hätten kein großes Problem mit diesem von Privatschulen geprägten System.

Das bestätigt auch Christiane Weidenfeld. ‘Die Studenten hier haben ein ungemein positives Verhältnis zu Leistung und Elite.’ Ein Alltagsbeispiel: ‘Eine Studentin erzählte mir, dass die Zimmerverteilung im College zum Teil von den Noten abhängt. Mich hat das zunächst entsetzt, da man so natürlich vom Zimmer auf die Noten des Bewohners schließen kann. Meine Studenten finden das System jedoch phantastisch, denn so haben sie die Möglichkeit, durch eigene Leistung Einfluss auf ihre Wohnverhältnisse zu nehmen.’

Die Lektorin betont, Cambridge sei eine Ausnahme und keineswegs repräsentativ für Großbritannien. Matthias jedenfalls ist mit seiner Studienwahl in England zufrieden – und die mühsame Kleinarbeit, bei der er sich für seine Bachelorarbeit durch die Akten der Berliner Verkehrsbetriebe aus den dreißiger Jahren wühlte, hat sich auch gelohnt. Ein Master-Stipendium ist schon in Reichweite.

Kammel, D. (2009), ‘Nobel geht die Welt zugrunde’, Spiegel Online – http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,650625,00.html

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