“Bachelor = Abitur + noch drei Jahre Schule” – Von Jonas Goebel

Weniger Abbrecher, schnelleres Studium, fliegender Wechsel zwischen Unis: So sollte die schöne neue Campuswelt aussehen. Aber inzwischen sitzt der Bachelor-Frust tief bei Deutschlands Studenten. Sie rebellieren – und die Rumpel-Reform droht im Chaos zu versinken.

Bachelor, das ist das Reizwort der Saison. Bereits 1999 wurde die “Bologna-Reform” zur Vereinheitlichung der europäischen Bildungsabschlüsse beschlossen, aber die deutschen Hochschulen kamen erst spät in Fahrt – und klebten oft nur neue Etiketten auf die alten Studieninhalte. Jetzt ist das Gezeter groß. Kein Wunder, denn den missglückten Umbau der Studienstruktur müssen die Studenten ausbaden. Sie klagen allenthalben über überfrachtete Studiengänge und eine ständige Prüfungshatz ohne Zeit für die eigenen Studieninteressen.

“Ich habe noch keinen Studenten oder Dozenten getroffen, der der Bologna-Reform etwas Positives abgewinnen konnte”, sagt Jens, 28. “Ich kenne auch keine Pro-Bologna-Fraktion.” Nach einem Lehramts-Studium promoviert er momentan, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Studienplanung eingebunden, kritisiert vor allem Verlust der Freiräume: “Nicht einmal in der Promotion soll der Schwachsinn mit vorgeschriebenen Seminaren aufhören.”

Noch viel zu wenige Studenten protestieren gegen die Bologna-Reform, findet Jens. “Ich habe das damals auch nicht ernst genommen”, sagt er, “aber jetzt durch die Studienplanung bekomme ich mit, dass ich es besser hätte tun sollen.” Das Studium bestehe nur noch aus Prüfungen, es gebe “keine Zeit, damit sich der Inhalt setzen kann”. Über seine neunmonatige Examensphase erzählt er: “Es war keine schöne, aber eine gute Zeit. Man ist auf sich allein gestellt, muss sich organisieren, lernt sich selbst etwas beizubringen.” Für Bachelorstudenten falle diese Phase der intensiven Auseinandersetzung mit einem Thema praktisch weg.

Einheitliche Standards und Abschlüsse, so die Grundidee der Reform, sollen mehr Mobilität möglich machen, einen fliegenden Wechsel zwischen Hochschulen in ganz Europa. Gleichzeitig soll es weniger Langzeitstudenten und mehr Praxisbezug geben, indem Diplom- und Magisterstudiengänge durch das meist dreijährige Bachelor-Studium ersetzt werden. Stimmen anschließend die Noten, kann man in maximal zwei Jahren den Master anschließen.

Wie ein Schülerleben – nur mit weniger Freizeit

Nun gelten strikte Vorgaben, wann Studenten welche Seminare und Vorlesungen belegen müssen. Wahlfreiheit? Klar: bei Uhrzeit, Dozent und Thema eines Moduls. “Für persönliche und fachliche Interessen ist keine Zeit eingeplant”, sagt Jens.

Ein paar Vorteile sieht Stephan, 22, schon. Er ist Bachelorstudent im fünften Semester für “Internationale Beziehungen” an der TU Dresden. Der Studieninhalt sei strukturierter, damit auch das Studium planbarer, sagt er – “man wird zum konsequenten Arbeiten gezwungen”. Das sei sicher auch hilfreich, mindere aber deutlich den besonderen Reiz des Studentenlebens. “Mein Studentenleben ist meinem Schülerleben sehr ähnlich”, so Stephan, “nur mit weniger Freizeit.”

“Der größte Vorteil der Reform ist sicher die Anerkennung von Studienleistungen bei Auslandsaufenthalten wegen des Credit-Point-Systems”, sagt Stephan. Allerdings müsse man erstmal die Zeit für ein Auslandssemester haben. “Ich habe das große Glück, dass mein Auslandssemester in der Studienordnung obligatorisch vorgesehen war. Bei vielen meiner Freunde ist das anders, sie müssen auf einen Auslandsaufenthalt verzichten.”

Jens hält die erhoffte höhere Mobilität für eine komplette Schimäre. “Es ist manchmal nicht mal möglich, von Lüneburg nach Hamburg zu wechseln”, sagt er aus Erfahrung. Beim europäischen Austauschprogramm Erasmus sinkt in vielen Ländern die Nachfrage nach Auslandssemestern, auch in Deutschland.

Angeblich hervorragende Berufschancen

Jene, die das Chaos der Hochschulreform zu verantworten haben, zeigen längst demonstratives Verständnis für die Studenten und räumen “Fehler in der Umsetzung” ein. Aber vom Bologna-Prozess abrücken will niemand ernsthaft. Überall wabert verbales Verständnis und verschleiert, wie langsam Politik und Hochschulen reagieren. Die Kultusminister baden lau und sehen jetzt die Hochschulen in der Pflicht. Derweil sagte Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der “Zeit”, die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse sei an vielen Stellen “vernünftig und zielführend” gelaufen. Doch von den positiven Beispielen spreche niemand.

Studenten seien heute im Schnitt zufriedener mit ihren Studienbedingungen als vor der Reform, so Wintermantel. Auch sei die Abbrecherquote in den Geisteswissenschaften inzwischen drastisch gesunken, und auf dem Arbeitsmarkt würden Bachelor-Absolventen gern genommen. Ähnlich sieht es Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die CDU-Politikerin ermahnte Arbeitgeber, die “richtigen Signale” zu geben, dass man mit dem Bachelor “hervorragende Berufschancen” habe.

“Wenn Unternehmen dazu aufgefordert werden müssen, sagt das doch schon alles”, meint Jens. “Bachelor ist Abitur plus drei weitere Jahre Schule. Wer kreative Leute sucht, der ist bestimmt nicht mit Bachelor-Absolventen zufrieden.” Ein strukturelles Problem gebe es zum Beispiel bei Lehrern: “In ihrem Beruf sollen sie später selbstständig arbeiten, aber in ihrem Studium lernen sie gerade, nicht selbstständig zu sein.” Niemand müsse selbst aktiv werden, sondern nur in kürzerer Zeit mehr lernen, meint Jens – die inhaltliche Neugierde bleibe auf der Strecke.

Darum fordert Jens, wie viele der protestierenden Studenten, mehr Eigenständigkeit und mehr individuelle Auswahlmöglichkeiten – anstelle von einheitlichen Modulen und bis ins kleinste Detail vorgegebenen Studieninhalten. “Warum will man eine Vergleichbarkeit in allen Fächern zwischen allen Ländern?”, fragt Jens. Im wirtschafts- und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen sei das eher nachvollziehbar, im Lehramt- oder Theologiestudium nicht. Darum stellt Jens den Bologna-Umbau grundsätzlich in Frage: “Es gibt in Europa viele Ideen der Vereinheitlichung. Manche davon haben aber einfach keinen Sinn.”

Source: Goebel, J. (2009), “Bachelor = Abitur + noch drei Jahre Schule” Spiegel Online [online]. Available at: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,662255,00.html [Accessed on 24 November 2009]

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