WM-Stadt Durban – Afrika trifft Indien

Hindu-Tempel und Moscheen, Kathedralen und orientalische Basare: Durban ist ein Schmelztiegel der Kulturen, ist zugleich afrikanisch und indisch – und Südafrikas größter Urlaubsort. Neues Wahrzeichen ist das vielleicht schönste Stadion der WM mit seinem spektakulären Skywalk.

Auf den ersten Blick zeigt sich Durban als moderne, aufstrebende Stadt: Glaspaläste ragen in den Himmel, dazwischen hin und wieder ein Minarett oder ein Kirchturm. Große Grünflächen, schier endlose weiße Strände, eine aufregende Waterfront laden zum Bummeln, verbunden durch vielspurige Straßen.

Und dann das Glanzstück: das neue Stadion, vielleicht die schönste der für die Fußball-WM 2010 neu gebauten Arenen. Es wirkt, als hätte Alessi einen riesigen, filigranen Henkelkorb mitten in dieses eher ärmliche Viertel von Durban gesetzt. Ein stählerner, 106 Meter hoher Bogen überragt das strahlend weiße Stadion, der “Skywalk” ist zu Fuß und per Seilbahn erreichbar. Vor allem im Licht der untergehenden Sonne oder im nächtlichen Schein der Scheinwerfer bekommt der Neubau etwas Unwirkliches, etwas Schwebendes.

Doch das ist nur eine Facette Durbans, das an der Stelle des Indischen Ozeans ausufert, an der Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten britischen Siedler gelandet sind, lange nachdem die Holländer das Land am Kap für sich entdeckt hatten. Die aufstrebende Glitzerstadt hat eine Kehrseite: Die Straßen sind verstopft mit hupenden, qualmenden und stinkenden Sammeltaxis, die Strände zum Teil ungepflegt und schmutzig. Fünf Stränden wurde die international begehrte blaue Umweltflagge deshalb aberkannt. Laut und hektisch geht es zu, Kriminalität gehört zum Alltag. Neben den großen Bürobauten haben kleine Händler ihre Stände aufgebaut, verkaufen Obst, Gemüse, Gewürze und allerlei Krimskrams und werfen ihren Müll auf die Straßen.

Von Gangstern überfallen und geschlagen

Kein Wunder, dass sich die Geister an dieser Stadt scheiden. Für Bürgermeister Obed Mlaba ist die größte Stadt der Provinz KwaZulu-Natal schon von Amts wegen eine der schönsten Städte der Welt. Bis 2020 will er eThekwini – wie Durban auf Zulu heißt – zur “sozialsten und lebenswertesten Stadt ganz Afrikas” machen. Auch für die Promotion-Agentur zur Ankurbelung von Wirtschaft und Investment in Durban ist die Stadt ein einziger Superlativ: Sie sei die “am besten geführte und finanziell stärkste Gemeinde des Kontinents”, habe die “höchsten Wachstumsraten” aller südafrikanischen Städte, besäße “Afrikas geschäftigsten Hafen” und sei das “populärste Touristenziel” des ganzen Landes.

Gary sieht das alles ganz anders. Der 61-jährige frühere Unternehmer ist in Durban geboren und aufgewachsen. “Mein Vater und mein Großvater haben auch hier gelebt,” erzählt er. “Aber was ist aus ihrer Stadt geworden?” Mit einer großen Geste zeigt er von der Terrasse seines mit modernster Elektronik gesicherten Hauses in einem der Nobelviertel Durbans über die Stadt und den Hafen: “Hier gibt es nichts, nichts anzugucken, keine vernünftigen Restaurants, nichts. Alles ist runtergekommen, dreckig und kriminell.” Er redet sich in Rage: “Außerhalb der großen Hotels kannst du nichts machen. Du kannst auch nicht an den Strand gehen. Das ist viel zu gefährlich.” Gary hat sich eingeigelt in seinem Haus, in dem er sich sicher fühlt.

Auch Bruder Konrad kann in den Chor der euphorischen Durban-Fans nicht einstimmen. “Die Apartheid ist in eine ökonomische Apartheid umgeschlagen,” sagt der aus Bayern stammende Ordensbruder, der seit 28 Jahren im sehenswerten Kloster Mariannhill am Rande der Stadt lebt und arbeitet. “In Städten wie Durban sieht man das am stärksten.” Die Folge ist spürbare Armut. Nirgends in Südafrika sieht man so viele Bettler, Schwarze wie – sonst eher die Ausnahme – Weiße. Und im Schlepptau der Armut blüht die Kriminalität. Die mache nicht einmal mehr vor den Klostertoren halt, klagt der Mönch. Er selbst ist erst vor kurzem von neun mit Maschinenpistolen bewaffneten Gangstern ausgeraubt und brutal geschlagen worden.

“Schmelztiegel unterschiedlichster Lebensstile”

Die südafrikanische Schriftstellerin Kirsten Miller (“Children on the Bridge”) versucht, die Zwiespältigkeit der Millionenstadt zu erklären: “Durban ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Lebensstile. Viktorianische und Art-Dèco-Architektur mischen sich mit Moscheen, Tempeln und modernsten Gebäuden.” Afrikanisches Leben treffe auf eine indisch geprägte Welt und werde durch modernen Businesslifestyle ergänzt.

Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt rund um die Grey Street mit ihren kleinen Nebenstraßen und Gassen wird deutlich, was die Autorin meint: An der Ecke Grey und Queens Street steht die Juma-Musjid-Moschee mit ihren goldenen Kuppeln, angeblich die größte ihrer Art in der südlichen Hemisphäre. Einen Steinwurf entfernt erhebt sich die katholische Emmanuel-Kathedrale, zu Apartheidszeiten ein Zentrum des politischen Widerstands. Es gibt einen orientalischen Basar und einen indischen Markt. Synagogen prägen das Stadtbild ebenso wie Hindu-Tempel, erbaut von den Tausenden indischen Landarbeitern, die Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten in die Stadt gebracht wurden. Ihre Nachkommen stellen noch heute einen großen Teil der Bevölkerung.

An der “Goldenen Meile” Durbans, dem Vorzeigeboulevard an der Küste, reiht sich Hotel an Hotel, liegt Bar neben Bar, Restaurant neben Restaurant, wenn auch zum Teil etwas angegammelt. Für die Fußball-Fans des kommenden Sommers werden gepflasterte Wege angelegt und Überwachungskameras installiert. Durch von der Polizei festgelegte Sicherheitskorridore sollen die Besucher von Parkplätzen rund um die Stadt hierher geschafft werden, zum Flanieren, zum Genießen, Sonnenbaden und Surfen – gut beschützt und streng abgeschirmt.

Dem Bürgermeister, den Investment-Werbern und der Tourismusbranche ist kein Superlativ groß genug für diese Stadt, in der Gandhi gelebt und wo Staatspräsident Jacob Zuma sein privates Refugium hat, in der die Sonne angeblich das ganze Jahr über scheint. Zwar ist die Fußball-WM noch nicht über die Bühne, doch schon greift Bürgermeister Mlaba nach neuen Sternen und will die Olympischen Spiele 2020 nach Durban holen. Einen ersten Erfolg kann er schon verbuchen: Das Olympische Komitee tagt 2011 in seiner Stadt, zum ersten Mal auf afrikanischem Boden. “Die sollen erst mal ihre Hausaufgaben machen,” knurrt Gary angesichts solch hochfliegender Pläne. “Erst muss man in Durban wieder sicher, sauber und friedlich leben können.”

Weltnaturerbe vor den Toren der Stadt

In einem stimmen Kritiker und Fans der Stadt allerdings überein: Durban ist wie kaum eine andere südafrikanische Stadt die ideale Ausgangsbasis, um drei Highlights des Landes am Kap zu erkunden: die Drakensberge, den iSimangaliso Wetlandpark und den Hluhluwe-Nationalpark. Die Drakensberge, mit bis zu 3500 Metern das höchste Gebirge des südlichen Afrikas, gehören wegen ihrer unberührten Natur, den Felszeichnungen der San, der Ureinwohner Südafrikas, und der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt seit neun Jahren nicht nur zum Unesco-Weltnatur-, sondern auch zum Weltkulturerbe.

Der Wetland-Park wurde schon 1999 in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Dort leben die meisten Krokodile und Flusspferde Südafrikas. Dagegen nimmt sich Südafrikas ältester Nationalpark auf den ersten Blick fast bescheiden aus. Doch der Hluhluwe-Park (gesprochen wird es Schluschluwe) steht zu Unrecht im Schatten von Tourismusmagneten wie dem Kruger-Park. Im Hluhluwe geht es etwas ursprünglicher und nicht so touristisch zu, aber nicht nur die “Big 5” sind hier zu Hause, auch Geparde und die selten gewordenen Wildhunde.

Nur wenige Kilometer nach der Einfahrt in den Nationalpark zeigt auf der N2 ein Wegweiser zum “Thanda Private Game Reserve”. Der schwedische Unternehmer Dan Olofsson hat dieses 6000 Hektar großes Gelände, vorwiegend heruntergekommene Rinderfarmen, 2002 aufgekauft. Er rekultivierte es, siedelte die “Big 5” wieder an und eröffnete 2004 eine luxuriöse Lodge. Seitdem wird Thanda – das Zulu-Wort für Liebe – Jahr für Jahr von internationalen Tourismusexperten mit den höchsten Auszeichnungen bedacht und ist unter anderem zur “besten Luxuslodge Afrikas” gewählt worden.

Eine Besonderheit der Lodge ist, dass es innerhalb des Game Reserves keine Zäune gibt. Bei Dunkelheit dürfen die Gäste deshalb nur in Begleitung eines Rangers von ihren Häusern zur Hauptlodge gehen. Denn es kann schon einmal sein, dass ein Löwenpaar sich bis an die Häuser wagt, ein Nashorn gerade dort grasen will oder ein Leopard fälschlicherweise hofft, dort Beute zu finden.

Das luxuriöse Thanda mitten im Naturparadies ist ein eigener Kosmos – und scheint Welten entfernt zu sein von der Hektik Durbans.

Source: Günsche, K. (2009), “WM-Stadt Durban – Afrika trifft Indien” Spiegel Online [online]. Available at: http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,656784,00.html [Accessed on 06 January 2010]

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